Dr. Karl-Heinz Gerstenberg, MdL
Gedenken in Birkenau während der Reise von Landtagsabgeordneten nach Krakau/Auschwitz (Mai 2006)

Speichern die Erinnerungen und die daraus entstehende Erinnerungskultur doch nicht nur Wissen sondern auch Werte. Insofern ist es für die Identität einer Gesellschaft, ihre Stabilität von herausragender Bedeutung, wie sie z.B. durch politische und öffentliche Diskurse ihre (kollektive) Erinnerung sowohl hinsichtlich Inhalt als auch Form konstruiert.

"Es ist merkwürdig mit der Vergangenheit. Sie ist vergangen und doch gegenwärtig. Was geschehen ist, ist geschehen, und doch können wir uns dabei nicht beruhigen. Immer wieder neu wird sie vergegenwärtigt, gedeutet, umgedeutet, angeeignet, abgestoßen, entfernt, in die Nähe gerückt, vergöttert, verteufelt, verdinglicht, verflüssigt. Wenn wir sie vergessen, bleibt sie nichtsdestoweniger ein beunruhigender Faktor... [Sie] kann wie eine Last auf unseren Schultern liegen, die wir gerne abschütteln möchten. Aber wir können es nicht. Sie ist ein Stück unser Selbst. Wir können ohne sie nicht leben." [Jörn Rüsen]

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene eng miteinander verknüpft. Jeder Mensch, jede Gesellschaft braucht die eigene Vergangenheit - zur Selbstdefinition. Denn sowohl die Wahrnehmung als auch die Interpretation der eigenen Vergangenheit sind Ausgangspunkt für individuelle und kollektive Identitätsentwürfe und auch dafür, für welche Handlungen man sich in der Gegenwart - mit Blick auf die Zukunft - entscheidet. Speichern die Erinnerungen und die daraus entstehende Erinnerungskultur doch nicht nur Wissen sondern auch Werte bzw. das Verständnis von Werten. Insofern ist es für die Identität einer Gesellschaft, ihre Stabilität aber auch ihr Befinden von herausragender Bedeutung, wie sie z.B. durch politische und öffentliche Diskurse ihre (kollektive) Erinnerung sowohl hinsichtlich Inhalt als auch Form konstruiert.

Erinnerungskultur steht mithin nicht im politikfreien Raum, sie steht vielmehr in einem engen Wechselverhältnis zu Politik, muß gerardezu in einem solchen stehen. Über die Erinnerungskultur werden die Fundamente für politische Konzepte, politische Ordnungen geschaffen, um diesen ihre historischer Selbstvergewisserung zu geben. Von einer Instrumentalisierung der Vergangenheit zu politischen Zwecken sollte dennoch nur gesprochen werden, wenn bei der (Re-)Konstruktion von Vergangenheit bewußt die Ergebnisse wissenschaftlicher Methoden, die auf intersubjektiv überprüfbaren oder falsifizierbaren Belegen basieren, negiert werden.

Dass Vergangenheit konstruiert ist, zeigt sich besonders deutlich in Zeiten einer umfassenden gesellschaftlichen Neugestaltung. "Jeder tiefe Kontinuitäts- und Traditionsbruch kann zur Entstehung von Vergangenheit führen, dann nämlich, wenn nach einem solchen Bruch ein Neuanfang gesucht wird" [J.Assmann, Gedächtnis, 1992, S.32]

Die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert kennzeichnen tiefe gesellschaftliche und politische Brüche, wobei die politischen Systeme in einer bis dato kaum gekannten Häufigkeit wechselten. Diese Zäsuren veranlaßten eine Überprüfung der bisherigen Fundamente und Geschichtsbilder, wenngleich damit nicht zwangsläufig ein vollkommener Austausch der bisher gültigen einherging. Gleichzeitig sind Kontinuitäten über all dies hinweg zu beobachten, die nicht minder Einfluß auf das Kollektivgedächtnis der Deutschen ausübten und Ausdruck in der kollektiven und staatsrepräsentativen Erinnerung fanden. Die vielschichtigen Formen und Wege der Vergangenheitsbewältigung fanden gerade in der jungen Bundesrepublik in Form wichtiger gesellschaftlicher Debatten Einzug in das breite öffentliche Bewusstsein. V.a. als nach der politischen Wende von 1989/91 versucht wurde, aus den zum Teil sehr unterschiedlichen Erinnerungskulturen in Ost und West eine kollektive Erinnerung zu schaffen. Ein Prozeß, der noch in vollem Gang ist...

Ich möchte Sie auf dieser Seite einladen, an den verschiedenen aktuellen Debatten über die Vergegenwärtigung von Vergangenheit teilzunehmen. Das Spektrum reicht dabei von Symbolen wie Gedenktagen oder Gedenkstätten bis hin zu Diskussionen über angebliche Prioritäten in der öffentlichen Erinnerung bzw. über Deutungshoheiten oder über (tabuisierte) Gegen-Erinnerungen.